Und da ist sie wieder, die Achterbahn. Vor meiner Abreise hatte ich noch das Gefühl, ich wüsse genau, worauf ich mich einlasse, was mich erwarten wird und wie ich in den ersten Schritten vorgehe. So eine Wiederholung von meinem Vancouver-Abenteuer, aber irgendwie einfacher.

Nun merke ich: es gibt so viele Erlebnisse aus meiner Anfangsphase in Vancouver, die ich wohl schlichtweg verdrängt habe. Und es ist überhaupt nichts einfacher geworden.

Ich fühle mich noch als ein absoluter Fremdling in dieser Stadt (nicht weiter verwunderlich, bin ich ja erst 9 Tage hier) und in diesem Land. Die Liste an zu erledigenden Dingen und Behördengängen scheint kein Ende zu nehmen – bei der Grösse der Stadt und der Menge an Immigranten ist auch nichts davon “mal eben so” erledigt, sondern nimmt meist einen halben Tag in Anspruch. Und dann diese Abhängigkeiten! Ein Beispiel: ich muss mich innerhalb kürzester Zeit (im ersten Monat) bei der staatlichen Krankenkasse der Provinz Ontario anmelden. Um sich anzumelden, benötigt man den Nachweis des Permanent Residence Status; die PR-Karte erhält man aber erst einige Wochen nach Ankunft im Land. Zudem muss man einen Nachweis seines Wohnsitzes erbringen – idealerweise Post einer öffentlichen Behörde, die an die eigene Adresse gesendet wurde. Dazu braucht man aber erstmal einen Wohnsitz.

Und so renne ich von einer Behörde zur nächsten, nehme stundenlange Wartezeiten in Kauf, nur um wieder eine negative Nachricht oder einen Verweis an eine andere Behördenstelle am anderen Ende der Stadt zu erhalten…

…aber ja, irgendwann ist auch das vorbei.

Heute wollte ich meinen Führerschein aktualisieren. Wenn man innerhalb von 90 Tagen nicht einen kanadischen Führerschein beantragt, muss man die Führerscheinprüfung komplett wiederholen! Zudem ist ein kanadischer Führerschein auf 5 Jahre begrenzt und muss regelmässig erneuert werden. Da ich meinen Schweizer Führerschein, der unbegrenzte Gültigkeit hat, ungern abgebe (und das müsste ich, damit ich nachweise, dass ich einen Führerschein besitze), habe ich versucht, meinen Führerschein aus meiner Zeit in Vancouver “einzutauschen” bzw. zu verlängern. Da dieser nun aber seit mehr als 12 Monaten nicht mehr gültig ist, müsste ich mich auch hierfür einer Führerscheinprüfung unterziehen. Neben der Tatsache, dass diese eine kostspielige Angelegenheit ist, ist der Aufwand unvorstellbar lächerlich: der Prozess würde 2 Jahre dauern!!! 2 Jahre, bis ich einen neuen Führerschein erhalte!!

Von diesen Geschichten jagt hier eine die nächste, kreative Lösungen sind also jeden Tag aufs Neue gefordert. Meine Nächste sind dementsprechend kurz und unruhig, ist ein Schritt getan, steht bereits die nächste Herausforderung an.

Dazu kommt die ständige Ungewissheit über die weitere berufliche Situation. Die Jobsuche beschäftigt mich täglich, viele Bewerbungen sind verschickt, die ersten Absagen sind schon eingetroffen – zwischendurch dann aber auch mal ein Lichtblick. Heute hatte ich ein nettes Gespräch mit einer Jobvermittlungsagentur, die auf kreative Berufe spezialisiert ist und auch schon ein mögliches Angebot für mich hätte, welches wir am Donnerstag in Ruhe besprechen werden. Ein weiteres telefonisches Interview heute endete irgendwie weniger befriedigend – nicht ganz das Richtige.

Und so gibt es Rückschläge und kleine Erfolgserlebnisse. Für jeden Schritt nach vorne mache ich gerade gefühlt zwei Schritte zurück – aber ich weiss: das gehört zu der verdammten Anfangsphase. Irgendwie ist es gut, die kleinen Erfolge wieder schätzen zu lernen – aber irgendwie reicht es mir auch langsam, immer wieder von vorne anzufangen. Nun, ich hoffe, es wird sich auch diesmal letztlich auszahlen.

Ein Erfolgserlebnis hatte ich heute auf jeden Fall: ich habe eine Wohnung gefunden!!

So toll diese Nachricht ist – noch hängt die Freude irgendwo fest, denn auch dieser Weg war nicht einfach. Ich habe mich letztlich dazu entschlossen, mit einem Markler zu arbeiten (Empfehlung von Fitore – und ist schliesslich kostenlos). Dieser konnte mir auch eine Menge Wohnungen zeigen: an einem Tag haben wir uns 11 Apartments angeschaut, eines kleiner als das andere bei stetigem Preisanstieg. Andere Länder… Aber schliesslich hatte ich mich doch in eines der Apartments “verguckt”, Preis-Leistungs-Verhältnis schienen zu stimmen. Eine kleine 1-Zimmer-Wohnung in einem der riesigen Hochhäuser in der Nähe von Fitores Wohnung.

Nach diesem Wohnungsbesichtigungsmarathon am Sonntag folgte der Bewerbungskampf: für eine Wohnung muss nicht einfach nur ein Formular ausgefüllt werden, da müssen erstmal jede Menge Beweise und Unterlagen eingereicht werden: Nachweis einer Festanstellung und eines regelmässigen Einkommens, Nachweis der Kreditwürdigkeit, Bestätigung der Bank, Referenzen bisheriger Vermieter undundund. Viele dieser Dokumente bekommt man nur als kanadischer Staatsbürger – somit musste ich mir etwas einfallen lassen, wie ich etwas “Gleichwertiges” aus Europa auftreiben kann – mit einer Zeitfrist von 24 Stunden. Emails wurden geschrieben, meine Bank in der Schweiz und in Vancouver wurden kontaktiert, Nachweise eingescannt, Dokumente gesucht und zusammengebastelt…

Und dann innerhalb von 24 Stunden die Absage: mein ausgesuchtes Apartment wurde an ein Pärchen vergeben – mehr Sicherheit.

Also: gleiches Spiel von vorne und die nächste Bewerbung abgeschickt. Diesmal erfolgreich! Ich habe die Zusage für ein kleines, bereits möbliertes Apartment, etwas weiter am Stadtrand gelegen, erhalten. Wunderbar! Das aber nur, wenn ich es schaffe, innerhalb von 24 Stunden eine ziemlich hohe Kaution in Form von Cheques zu bezahlen. Hier in Kanada wird alles mit den verdammten Cheques abgehandelt. Dazu brauche ich nicht nur ein kanadisches Konto (und leider ist mein Konto aus Vancouver nur in British Columbia, nicht aber in Ontario hier in Toronto ansässig), sondern auch kanadische Dollar auf diesem Konto. Eine Auslandsüberweisung von meinem Schweizer Konto dauert allerdings 4 Tage – was ich erst viel zu spät realisiert habe. Und auch hier ging das Gerenne los, das “ausquetschen” von mehreren Bankautomaten in Toronto (hier hat jeder Bankautomat ein Limit an Bargeld, welches man pro Tag abheben darf), Turbo-Ãœberweisungs-Versuche, Kontoeröffnung und dann das Eintauschen von Bargeld gegen Cheques…aber schliesslich: success! Ich habe gewonnen, werde nun glückliche Mieterin eines neuen Apartments und habe am Sonntag meinen Einzugstermin in eine fix und fertig eingerichtete Wohnung! Ist das zu fassen!!

Mein neues Heim
Mein neues Heim
Mein neues Heim
Mein neues Heim

 

Mehr Bilder gibt es hier (sieht grösser aus als es ist :-)).

Für den Vergleich: einige Eindrücke der anderen Wohnungen, die mit jeweils insgesamt 40-50 m2 der Durchschnittsgrösse einer gerade noch bezahlbaren Wohnung entsprechen (für jemanden mit guten Gehalt…wozu ich hoffentlich bald wieder gehöre ;-)):

Wohnung No. 1
Durchschnittliche Grösse eines Schlafzimmers: passt genau ein Bett rein, fertig.
Küche, Ess und Wohnplatz in einem
Küche, Ess und Wohnplatz in einem
Küche, Ess und Wohnplatz in einem
Küche, Ess und Wohnplatz in einem

Ja, und so kann ein weiterer aktionsreicher Tag zu Ende gehen.

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang
Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

2 thoughts on “Step by Step”

  1. Toll, Toll, Toll, schön hats geklappt mit der Kaution! Ich wünsch Dir ein schönes Koffer auspacken und einrichten. Schön, dass Du wieder ein richtiges Zuhause hast!
    Viel Erfolg mit den Vorstellungsgesprächen! Ich hoffe Du findest etwas spannendes! (zweifle ich keine Sekunde daran 😉 )

    Bis bald!

    romy

    1. Jippieh!! Freu mich auch riesig! So ein eigenes Reich ist der erste Schritt, um mal etwas Normalität und Rhythmus reinzubringen.
      Ich muss mich einfach mal in Geduld üben 🙂
      Grüsse nach Bern, miss you!

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