Stück für Stück arbeite ich mich durch meine Erinnerungen und Eindrücke dieser Wanderung um wenigstens einen Teil festzuhalten. Es waren so viele tolle und auch eindrucksvolle Momente dabei, jeder Tag war ein erneuter Test meiner Ausdauer – sowohl mental wie auch physisch.

Von all den Tagen wird der siebte Tag für mich der Tag mit der grössten Herausforderung bleiben.

Tag 7: Refugio Carducci (12 km, 1650 m)

Heute sollte es zur Carducci Hütte gehen, die auf 2300m liegt. Schön eingebettet in den Dolomiten ist die Hütte nicht ganz so einfach zu erreichen: von der Lunelli Hütte aus muss man zwei Klettersteige bezwingen, mit einer angegebenen Zeit von 8-10 Stunden.

Einen Tag vorher sind wir zufälligerweise einem älteren Ehepaar auf unserer Wanderung begegnet, mit denen wir etwas ins Gespräch kamen. Da wir unseren Klettergurt und Helm am Rucksack hängen hatten, fragte der Mann interessiert nach: “Und, wo geht es denn hin? “

Wir: “Richtung Sexten, allerdings über die Lunelli und Carducci Hütte, also über den Berg.”

Er: “Ah, da macht ihr den Klettersteig Roghel. Den habe ich damals mit angelegt. Er hat einen ziemlich schwierigen Einstieg, zum Glück recht am Anfang. So trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.”

Die Worte hallten noch etwas nach in mir, als wir am frühen Morgen gegen 7 Uhr von der Lunelli Hütte aufbrachen. Die Spreu vom Weizen…ich kann doch gar nicht klettern. Werde ich das heute überhaupt schaffen?

Aber Schritt für Schritt denken: erstmal ging es bei gutem Wetter los – tschüss ihr Kühe und ihr lustigen Hüttenwirte, wir hatten eine tolle Zeit.

Zunächst mussten wir vom Tal rauf zur Berti-Hütte. Diese lag nur knapp 500 Meter über uns. Was zunächst ziemlich lang und steil aussah, entpuppte sich als ein idyllischer Wanderweg entlang an Wasserfällen. Der Blick zurück bot eine tolle Sicht ins Tal.

Von der Berti-Hütte ging es dann weiter hoch zum Klettersteig. Vor mir sah ich nur rutschiges Geröll – da soll es hoch gehen? Dann sah ich eine Gruppe von 6 Personen in weiter Ferne – wir waren also nicht die Einzigen. Das erleichterte mich ein wenig: wir waren also nicht ganz verrückt, uns an diesen schwierigen Klettersteig zu wagen, wenn bereits 6 andere Personen vor uns waren.

Aber zunächst einmal: rauf zum Klettersteig.

AlBei unserem Aufstieg kamen wir der Gruppe vor uns immer näher. Kurz vor dem Einstieg überholten wir zwei von ihnen, einer davon weit über 60 Jahre. Respekt, noch so aktiv in den Bergen. Die beiden waren allerdings etwas unsicher auf den Beinen – na, die wollen bestimmt nur mal den Klettersteig sehen und drehen dann wieder um.

Am Klettereinstieg dann trafen wir auf die restlichen vier: eine lustige Gruppe von Slowenen, gut ausgerüstet und voller Elan. Einer von ihnen war besonders gesprächig und erzählte uns auch sofort, dass dies sein erster Klettersteig sein wird. “Respekt” sagte ich. “Da hast du dir nicht gerade den einfachsten Weg ausgesucht.” Er meinte daraufhin nur: “Bei uns gibt es ein Sprichwort: Es sind nicht die Aufgaben, die zu gross sind – es sind wir, die wir uns im Kopf zu klein machen.”

Irgendwie klang das ja toll – aber auch ein wenig beunruhigend. Eine gesunde Zuversicht und Selbstvertrauen ist wichtig, Herausforderungen anzunehmen macht einen stärker – aber eine Selbstüberschätzung in den Bergen kann schnell sehr schlimm enden. Diese Gedanken behielt ich allerdings für mich.

Peter und ich sahen uns nach diesen Worten nur stumm an und einigten uns wortlos, dass wir schnellstmöglich vor dieser 6er Gruppe aufsteigen sollten. Klettergurt an, Helm auf – los gehts.

Dies ist nun der Teil, der sich unheimlich schwer in Wort oder Bild beschreiben lässt. Alles in allem war dies ein Klettersteig wie auch andere, die wir zuvor gemacht hatten. Es gab einige wenige kniffeligere Ecken, wo ich ein wenig mehr über meine Bein-Arm-Koordination nachdenken musste. Und es gab immer wieder diesen unheimlichen Blick nach unten, wo ich auf keinen Fall abstürzen wollte. Und klar, wir waren “gesichert” – allerdings scheinen die Italiener es auch nicht allzu genau zu nehmen mit der Kontrolle dieser Sicherungen – die Bolzen und Haken waren an einigen Stellen doch ziemlich locker und rostig…

Die Stelle für die “Spreu vom Weizen” haben wir auch nach einiger Zeit gefunden – doch sie war viel weniger schlimm als befürchtet. Von hier ging es wie durch einen Kamin hoch auf eine von vielen Spitzen, die wir überwinden würden.

Für die nächsten Stunden ging es nun Schritt für Schritt hoch, dann wieder runter, wieder hoch und wieder runter. Nach einiger Zeit kamen wir an einen “Zwischenteil”, ein flaches Geröllstück, dass wir überqueren mussten. Naiverweise dachte ich, dies wäre Halbzeit und der Beginn des zweiten Klettersteiges – aber weit gefehlt.

Von hier ging es dann erstmal ohne Seil weiter. Das klingt allerdings toller als es war – wenn ihr auf den Fotos hier unten eine kleine weisse Linie findet: das ist der “Wanderweg”. Ein schmaler Geröllweg. Ein Schritt zu weit links und *wutsch*: byebye.

An sich fand ich diesen geraden Weg jedoch einfacher, als das ständige Einhaken am Klettersteig. Irgendwann war dann auch dieser Abschnitt geschafft und wir kletterten wieder: rauf…und runter.

Das schien jedoch noch nicht zu reichen, um meine Komfortzone zu testen. Neben ersten dicken Regentropfen hörten wir das Donnergrollen, dass sich ziemlich rasch näherte. In den Bergen eingehakt an Drahtseilen ist das nicht gerade der erstrebenswerteste Ort, um in ein Gewitter zu geraten. Wir hatten wieder einmal Glück im Unglück: wir fanden ziemlich rasch eine Höhle, in der wir uns unterstellen konnten, und das Gewitter vorbeiziehen liessen.

Ewig konnten wir hier natürlich nicht sitzen bleiben, schliesslich lag noch ein laaaaaaanger Weg vor uns. Wir blickten auch immer wieder zurück- doch von den sechs Slowenen fehlte jede Spur. Vielleicht doch umgedreht?

Weiter geht es, immer weiter rauf.

Die Aussicht war einmalig – aber ich muss gestehen: ich konnte sie immer weniger geniessen. Wir waren bereits 8 Stunden unterwegs, die Kletterei forderte jede Menge mentale Energie von mir, weil ich mit jedem Schritt meine Höhenangst überwinden musste. Ich murmelte fleissig mein neues Mantra vor mich hin “tiny feet – Schritt für Schritt” – aber irgendwann kam ein Punkt, wo es ganz kurz zu viel wurde. Plötzlich schnürte es mir den Atem ab, ich bekam keine Luft mehr und versuchte, einen Heulkrampf zu unterdrücken. Hui, wo kam das denn nur her? Ich glaube mein Körper ist langsam…bereit für das Ende dieses Klettersteigs 🙂

So schnell es kam, so schnell ging es wieder vorbei – aber der Fokus war klar: lass uns die Hütte erreichen.

Und schliesslich konnten wir sie auch sehen: ja, da hinten, direkt gegenüber von uns, da ist die Hütte! Ich war so erleichtert, dass ich Peter sofort in die Arme fiel: juchu, wir haben es (fast) geschafft!!!

Unser Ziel ist in Sichtweite

Wir bogen fröhlich um die Ecke – und ab da wurden wir beide ganz stumm. Mein Handy blieb in der Hosentasche, mir war nicht mehr nach Fotos knipsen. Wir beide realisierten sofort: das ist noch ein VERDAMMT LANGER Weg zur Hütte. Vor uns lag kein Abstieg oder eine direkte Verbindung- nein, vor uns lag eine riesige “Bucht” und der Weg zog sich in seiner ganzen Pracht und Länge an dieser Einbuchtung entlang. Das waren bestimmt noch eimal zwei Stunden, ehe wir die Hütte erreichten.

Half ja alles nichts, an den nächsten Schritt denken und weitergehen.

Irgendwann hatten wir es geschafft. Wir hatten den letzten Abstieg von den Bergen hinter uns, wir überquerten das letzte Geröllfeld für diesen Tag und erklommen den Aufstieg zur Hütte auf einem “normalen” Wanderweg. Schritt für Schritt. Mein Körper war am Ende. Ich war unendlich müde. Es war nicht so sehr, dass mir irgendetwas weh tat (ausser mein Rücken und Nacken von dem dämlichen Rucksack) – aber mental war ich unheimlich ausgelaugt. Vor mir schien Peter wie eine junge Ziege den Berg hinaufzuspringen – ich schlich langsam hinterher. Noch ein Schritt. Und noch einer. Und noch einer…

Ein Blick zurück zeigte: beim Pfeil haben wir zum ersten Mal die Hütte gesehen – und von da aus ging es der roten Linie entlang rein zur Einbuchtung, einmal rum, dann runter und raus (und rauf). Verdammt lang.

Doch hier war sie nun, die Hütte. Es war mit Sicherheit meine emotionalste Ankunft an einer Hütte. Da waren plötzliche jede Menge Gefühle: Erleichterung, Freude, Stolz (es geschafft zu haben), Erschöpfung und Dankbarkeit. Wir haben es geschafft. Ohne Verletzungen, ohne grössere Schwierigkeiten, ohne Unfall. Wir waren hier, in einer warmen Hütte bei unendlich lieben und fürsorglichen Menschen. Wow.

Ja, WIR hatten es geschafft.

Aber da waren noch sechs Menschen hinter uns.

Wir informierten sofort den Hüttenwirt. Die wissen natürlich, wer eine Nacht in einer Hütte gebucht hat – aber sie wissen nicht unbedingt, ob diese Leute auch auftauchen und wenn: wo sie sind. Als wir ihm erzählten, wann und wo wir die Gruppe das letzte Mal gesehen hatten, machten sich sofort tiefe Sorgenfalten in seinem Gesicht breit. “Dann sind sie niemals vor 22 Uhr hier – und es zieht ein Gewitter auf.” Er holte sein Fernglas heraus und beobachtete ab nun alle 20 Minuten den Berg.

Der Hüttenwirt, Giuseppe Monti Fabbro, war ein älterer Mann, mit Sicherheit über 60 Jahre. Nach all den Fotos an der Wand zu beurteilen war er ein erfahrener Bergsteiger – da gab es Fotos mit Reinhold Messner, Simone Moro und anderen grossen Bergsteigernamen. Sein Hüttenpersonal schien ebenso bergbegeistert und erfahren. Sie vermittelten sofort ein sehr familiäres Gefühl – aber vielleicht war ich auch einfach nur so froh, im Trockenen zu sitzen.

Nach dem Abendessen legte ich mich ziemlich schnell in den Massen-Schlafraum. Aber schlafen konnte ich nicht so richtig. Wo waren diese sechs Slowenen? Sind sie tatsächlich alle zusammen geklettert? Mussten sie umkehren? Wo hat sie das Gewitter überrascht? Wie fit waren sie? Auf dieser Strecke gab es keine richtige Möglichkeit, umzukehren. Ab einem gewissen Stück war man zu tief “drin”, um umzudrehen. Es gab auch keinen Notausstieg. Es gab nur noch ein Vorwärts.

Die Berge und der Klettersteig waren auch viel zu zerklüftet, als das man dort mal eben mit dem Rettungshubschrauber hinkommen konnte. Und erst recht nicht bei einem aufziehenden Gewitter.

Und so lag ich dort. Müde, erschöpft – und besorgt. Es wurde dunkel. Ich konnte immer wieder Stimmen vor dem Fenster hören, ich sah die Stirnlampen aufblitzen. Eins, zwei, drei, vier…sie gingen, sie kamen zurück. Nein, das war die Hüttencrew. Ein Suchtrupp.

Sie gingen, sie kamen. So ging es von 22 Uhr an bis kurz vor Mitternacht. Dann waren da plötzlich mehr Stirnlampen. Einige davon näherten sich nur gaaaanz langsam. Eins, zwei, drei, vier…fünf…sechs. Da sind sie! Da ist die gesamte Gruppe. Sie haben es geschafft!

Es regnete, sie mussten total durchnässt sein. Seitdem wir sie gesehen hatten am Einstieg zum Klettersteig waren nun 16 Stunden vergangen. Meine Güte…doch sie hatten es geschafft. Und ich fand endlich etwas Schlaf.

Am nächsten Tag sahen wir dann alle beim Frühstück. Es waren einige müde Gesichter – aber als sie uns erkannten, huschte doch ein Lächeln über das ein oder andere Gesicht. Ich drückte sie und lächelte zurück: “Bin ich HEILFROH, dass ihr es geschafft habt!!! Es tut so gut, euch zu sehen, oh mein Gott!”

Ja, das war ein besonderer Moment. Und eine wichtige Lektion: unterschätze die Berge niemals! Das hätte ganz anders ausgehen können. Peter und ich haben uns noch oft über diesen Tag unterhalten – und über die Erfahrung, die man mit der Zeit sammelt, die so wichtig ist, und doch so schwer, anderen zu vermitteln.

Wir haben uns vor jedem Tag unserer Wanderung ausgiebigst über die Strecke informiert, Karten studiert, Alternativrouten angeschaut. Wir haben Wetterinformationen eingeholt. Wir haben uns mit den Hüttenwirten und anderen Wanderern ausgetauscht, um Informationen über den aktuellen Zustand der Wege zu bekommen.

Und immer wieder trafen wir auf Leute, die sich für nichts von alldem interessierten. Und einfach losliefen. Weil “keine Aufgabe zu gross ist.” Bis man in Schwierigkeiten läuft, an seine Grenzen stösst, sich oder die Strecke oder die Begebenheiten masslos unterschätzt.

Diesmal ging es gut.

Es kann so schnell auch anders enden.

Das muss ich erstmal verdauen.

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